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Interview mit Astrid Vollenbruch (Buch-Autorin von "Die drei ???")

Wie sammelst Du Ideen für Deine Bücher - und wie lange schreibst Du ein und dasselbe Kapitel immer wieder um, weil wieder irgendwas daran nicht stimmt?

Ideen sammle ich, indem ich mir anschaue, was es schon alles gegeben hat, und überlege, was es noch nicht gegeben haben könnte. Der Geisterzug entstand aus einer jahrealten Information, dass die Transkontinentale Eisenbahn im Westen von Chinesen, im Osten von Iren gebaut wurde - auf dem triumphierenden Abschlussfoto ist aber kein einziger Chinese zu sehen. Ich fand das ungerecht und habe mich ein wenig mit den Hintergründen dieses Projektes befasst. Als André dann fragte, ob ich ein ???-Buch schreiben wollte, hatte ich die Idee sozusagen passend da. Zu "Schatten über Hollywood" und "Schwarze Madonna" kam ich, indem ich mir gezielt Infos zu Los Angeles gesucht habe. "Spuk im Netz" und "Pfad der Angst" haben sich so oft verändert, dass ich die Ursprünge gar nicht mehr genau weiß, und bei der Diva war mir nur klar, dass es etwas mit dem Theater zu tun haben sollte. Alternde Stummfilmstars gibt es ja leider heutzutage nicht mehr.

Ich überarbeite während des Schreibens. Wenn ich beim Lesen abends oder am nächsten tag merke, dass da etwas nicht funktioniert, ändere ich es sofort. Manchmal merke ich es auch erst etwas später und treibe meine Lektorin zur Verzweiflung, indem ich kurz vor Schluss vier Kapitel komplett rausschmeiße und neu schreibe.

Wer prüft Deine Bücher auf Logikfehler oder Verständnisprobleme?

Die Lektorin und ich.

Wie schwer ist es, einen Plot aufzubauen, und in diesen für die Leserschaft die Hinweise so zu verteilen, dass man nicht vorher alles verrät, aber es auch nicht unmöglich gestaltet, dass man als Lesende/r dahinter kommt, und mitraten kann?

Einen Krimi schreibt man ja sozusagen rückwärts - man muss schon am Anfang wissen, wer der Täter ist und wie die Tat begangen wurde. Sonst kann man keine Idizien verstecken. Und beim Mitraten müssen die Leser sich entweder auf die Indizien im Text verlassen oder durch eigenes Allgemeinwissen fehlende Informationen ergänzen können. Das ist nicht so einfach, und ich hab's auch schon mal vermasselt.

Du erklärst häufig, dass Du durch André Marx zu Die drei ??? gekommen bist, und dass Ihr Euch beim Schreiben Eurer Bücher ab und an gegenseitig unter die Arme greift. Aber ruft auch mal Ben Nevis bei Dir an, und weiss nicht, was er jetzt mit seinem bewusstlosen Justus Jonas machen soll? Oder fragst Du ab und zu bei Marco Sonnleitner nach, wie Du die drei Detektive auf den verbliebenen 4 Seiten jetzt noch von Australien nach Rocky Beach beamen kannst, ohne, dass es für die Leserschaft allzu plötzlich wirkt?

Nein. Mit André bin ich seit -zig Jahren befreundet, und es hat sich so entwickelt, dass wir uns gegenseitig Texte zum Lesen geben. Aber es kommt nur sehr selten vor, dass wir so sehr steckenbleiben, dass wir uns gegenseitig aushelfen müssen. Normalerweise sollte ein Autor selber mit seiner Geschichte fertigwerden können.

Dass die Bücher unabhängig von den (Europa-)Hörspielen funktionieren, steht völlig ausser Frage (schliesslich basieren diese sogar auf Euren Büchern); doch andererseits nehmen viele Fans Die drei ??? nur als Hörspiel wahr - und Eure Stories somit ebenfalls. Demotivierte es während des Rechtstreits nicht, weitere Bücher zu schreiben oder bereits vorhandene Skripte fertigzustellen, wenn abzusehen war, dass ein nicht geringer Teil der Fans diese nicht wahrnehmen würde? Denn als künstlerisch Tätige/r lebt man doch nicht nur vom Brot, sondern auch von der Fan-Kritik, oder!?

Ich schreibe meine Bücher als Bücher, nicht als Hörspielvorlagen. Und da ich weiß, dass die Bücher auf dem Weg zum Hörspiel zum Teil massiv verändert werden, sehe ich die Hörspiele auch nicht als "meine" Produkte an. Die Kritik daran kann mich also weder besonders freuen noch frustrieren. Wichtiger ist mir die Kritik der Leser/innen, die sich tatsächlich mit dem auseinandersetzen, was ich geschrieben habe. Und wenn ich da Prügel kassiere, kommen sie auch direkt an. Aua. :)

Wie häufig liest Du in Fanforen mit? Und beachtest Du nur jene Threads, die auf Eure - oder nur Deine eigenen - Bücher per se eingehen, oder schaust Du auch mal in die allgemeinen Themen rein?

Ab und zu lese ich mal in den Fanforen mit, allerdings nicht mehr so häufig wie am Anfang. Und mich interessieren eigentlich alle Folgendiskussionen.

Wenn in Fanforen seitenweise Dinge diskutiert werden, wie z.B. "Ist Peter schwul!?", wie fasst Du das auf? Selbst wenn Peter es wäre, es wäre doch vollkommen gleichgültig, oder? Machen diese Fans sich das schöne Hobby zunichte, indem sie jede Nebensächlichkeit bis ins Kleinste analysieren und durchdiskutieren?

Das Nette am Fandasein ist doch, dass man sich mit einer Serie identifiziert und die Figuren als eigenständige, lebendige Personen behandeln kann. Ob die Fans nun über Peters Liebesleben oder über Bobs Kontaktlinsen oder Tante Mathildas Kirschkuchenrezept oder Hugenays zwielichtige Persönlichkeit diskutieren, ist doch ganz egal - wichtig ist, dass die Figuren für sie real sind.

Wie reagierst Du auf Kritik? Es gibt ja immer jene, die sehr sachlich sind, jene, die alles in Grund und Boden schimpfen, jene, die sich in Details vergehen, usw. Klar, man kann es niemals allen recht machen, und man selbst entdeckt hinterher oft auch noch ein paar Kleinigkeiten, die man schnell noch ausbügeln würde, aber inwiefern nimmst Du Kritik der unterschiedlichen Art ernst? Liest Du, wenn Du in den ersten zwei Zeilen bemerkst, dass jemand sowieso nur stänkern will, überhaupt noch bis zum Ende?

Wenn jemand schreibt: "Boah, die Vollenbruch soll die Flunken von den drei ??? lassen, die hat's überhaupt nicht drauf", dann ignoriere ich das. Wenn jemand schreibt: "In dem und dem Buch kommt's mit der Logik nicht hin, ich verstehe nicht, warum das und das passiert ist, und das mit dem abgebrochenen Rückspiegel war ja wohl Schwachsinn" - tja, dann gehe ich in mich und schäme mich und versuche es beim nächsten Buch besser zu machen. Ich schreibe gerne eher subtil, aber wenn ich so subtil schreibe, dass die Leser nicht mehr kapieren, um was es eigentlich geht, dann muss ich da was ändern.

Wie dachtest Du über die Zeit während des Rechtstreits aus Sicht der Autoren mit Blick auf die Fans? Es wurde ja viel geschimpft. Mal war der Eine daran schuld, dann der Andere... dann wurde dazu aufgefordert, dass dieser und jene sich gefälligst dazu auch zu äussern hätten... War es schwer, sich nicht daran zu beteiligen - und sei es nur, um ein paar Sachverhalte gerade zu rücken, oder um etwas mehr Sachlichkeit zu bitten?

Ich finde diese ganze Angelegenheit mit dem Rechtsstreit extrem traurig, weil dadurch das zerstört wurde, was ich ein bisschen weiter oben beschrieben habe. Den Fans wurde sozusagen plötzlich klar, dass Justus, Peter und Bob keine "echten Menschen" sind, sondern ein hart umkämpftes Markenprodukt, und ich glaube, dass das der Serie massiv geschadet hat. Mehr möchte ich zu der Angelegenheit nicht mehr sagen.

Wie empfindest Du die Vertonungen der Die drei ???-Bücher? Vermutlich wirst Du beim Schreiben besonders auf das Ambiente als Leser/in im Auge haben. Aber überlegst Du manchmal auch, wie diese Szene im Hörspiel klingen könnte? Und bist Du mit den Hörspielen soweit zufrieden, was das Kürzen an den "richtigen Stellen" oder dem Umsetzen von Phonetik (Wortbetonungen, etc.) und Geräuschkulisse anbelangt...?

Ich habe beim Schreiben die Stimmen und die Ausdrucksweise der drei Hauptsprecher im Kopf und glaube, dass ich die Dialoge mittlerweile fast automatisch anpasse. Für alles andere bin ich nicht zuständig. Ich schreibe so, dass beim Lesen - hoffentlich - Bilder im Kopf entstehen. Es ist die Verantwortung der Scriptschreiber, den Text dann so umzusetzen, dass das auch beim Hören möglich ist.

Versuchst Du ab und zu, eine Szene oder einen Dialog so zu verfassen/anzupassen, dass das Ganze im Hörspiel etwas "einfacher" umgesetzt werden kann, weil es als Hörspiel eigentlich fast gar nicht funktionieren würde, ohne, dass der Erzähler Endlos-Monologe vorträgt - obschon das Setting im Buch einfach hervorragend passt?

Eigentlich nicht. Ich habe ja nur beim Geisterzug daran geglaubt, dass daraus ein Hörspiel werden würde. Unmittelbar danach ging der Rechtsstreit los, zwischenzeitlich durften einige Bücher ja nicht mal mehr verkauft werden, und ich habe mich beim Schreiben nicht auf eine in nebelhafter Zukunft liegende eventuelle Vertonung konzentriert, sondern auf das Schreiben.

Du selbst hast irgendwo einmal geschrieben oder gesagt, dass Du die ???-Fan-Hörspiele des Neuvertonungsprojektes sehr magst. Was gefällt Dir daran am meisten? Dass dort besser zusammengefasst/geschnitten wird? Das urige "Fan-Semi-Professionalitäts-Feeling" dieser Werke? Der unkommerzielle Gedanke dahinter?

Ja. :) Und ich mag die Sprecher, die meiner Meinung nach schon deutlich über die "Semiprofessionalität" hinaus sind. Die Neuvertonung ist etwas, das ich wirklich sehr interessiert verfolge, und ich lade mir jedes neue Hörspiel sofort runter.

Wenn man Dich fragen würde, würdest Du bei diesen Fan-Hörspielen auch selbst eine Sprech-Rolle übernehmen? Und sei es nur eine Passantin, die im Vorbeigehen nach der Uhrzeit fragt? Als Cameo, sozusagen - wie Hitchcock!

Das bin ich schon gefragt worden, und meine Antwort ist immer dieselbe. Nein.

Wie stehst Du zum Verwenden von alten Figuren oder zu Reminiszenzen vergangener Fälle? Hugenay z.B. ist für viele Fans ja mittlerweile eine der beliebtesten Charaktere im ???-Universum. Viele mögen sogar Allie Jamison, obwohl sie besonders in den Hörspielen, ja eher ein uninteressanter Charakter war, oder?

Ich spiele ja mit dem Gedanken, sozusagen nachträglich den Fall zu schreiben, der die Grundlage für "Späte Rache" war. Aber ob das geht... keine Ahnung. Ansonsten finde ich das Wiederauftauchen alter Charaktere eigentlich ganz gut, solange man es nicht überstrapaziert. Ich würde ja ganz gerne Patrick und Kenneth reaktivieren und verstehe gar nicht, warum sie rausgeschrieben wurden - Onkel Titus wird ja nicht jünger, und er kann Justus, Peter und Bob nicht ewig als billige Aushilfen einsetzen.

Bislang schrieb André Marx die 3fach-Jubiläums-Bände "(100) Toteninsel" und "(125) Feuermond"; käme das für Dich auch in Frage? Einen 3fach-Band zu verfassen; oder wenigstens einen 2fach-Band? Vielleicht einfach nur, um eine tolle Idee nicht auf 128 Seiten zusammenzuraffen, sondern, um die Idee vollends präsentieren zu können? Oder tust Du dies dann lieber in Deinen Geschichten, die nicht über Die drei ??? handeln, und somit vermutlich nicht so sehr auf ein straffes Seitenkontingent angewiesen sind?

Dafür muss man erstmal eine tolle ???-Idee haben, um sie auf zwei oder drei Bände auszudehnen...

Wie denkst Du eigentlich über die Charaktere Justus, Peter und Bob selbst? Alles in allem sind diese drei durch die vielen, vielen Geschichten recht vielschichtig geworden, andererseits sind sie auf ihre Weise wieder sehr vorhersehbar (bsps: Peter hat Angst, tut's dann aber doch, Justus monologosiert sich am Ende wieder einen Wolf, etc.)... Oder ist das für Die drei ??? gar nicht wichtig, weil es in erster Linie darauf ankommt, dass die ihre Fälle mit detektivischem Eifer lösen, und weil eine Serie eben ihre "Running Gags" benötigt? Schliesslich war etwa über Columbo oder Holmes auch fast nichts bekannt, und ihre typischen Marotten hatten sie ebenfalls in fast allen Fällen.

Schwierige Frage. Robert Arthur hat die drei recht stereotyp angelegt, und er hat sicher nie erwartet, dass die Serie so lange laufen und von so vielen Autoren bearbeitet würde. Ich denke, dass die Jungs schon zu Persönlichkeiten geworden sind, allerdings manchmal etwas überzogen oder "out of character" dargestellt wurden. Aber meistens sind sie doch noch zu erkennen, auch wenn Justus nicht mehr so oft an seiner Unterlippe rumzupfen darf. :)

Hast Du den Film "Die drei ??? und die Geisterinsel" gesehen? Zeigte der Film den Schrottplatz - Verzeihung: den Gebrauchwarenhandel ;) -, die Zentrale und die drei Detektive so, wie Du Dir das denkst, wenn Du Deine Geschichten zu Buche gibst? Wie fandest Du Hugenay? War er im Film nicht einfach zu skupellos gezeichnet?

Schrottplatz und Zentrale fand ich ziemlich cool, wenn auch der Schrottplatz viel kleiner und die Zentrale viel größer als in meiner Vorstellung war. Hugenay mochte ich überhaupt nicht. Seine Rolle war unlogisch, und sein Auftreten passte überhaupt nicht zu dem Buch-Hugenay. Ein unbekannter Schurke wäre mir lieber gewesen.
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